– Interview mit dem Projektleiter Helmut Schuler vom Biosphärenreservat Pfälzerwald-Nordvogesen –

Was hat Sie auf Anhieb an dem Projekt „Neue Hirtenwege im Pfälzerwald“ gereizt?

Bereits bei der umfassenden Antragstellung sah ich eine große Chance darin, die Projekte, die ich im Biosphärenreservat bereits initiiert und lange betreut hatte – wie Beweidungsprojekte, die Pfälzerwald-Lamminitiative und zum Teil die Regionalvermarktung –,in einem größeren Stil mit dem sehr gut ausgestatteten Förderprogramm „chance.natur“ des Bundesamts für Naturschutz (BfN) weiterzuentwickeln. Besonders reizvoll erschien mir die Chance, etwas Sinnvolles, beispielsweise für das weltweit aktuelle Thema des Artenverlusts, aber auch für die wirtschaftenden Betriebe, auf großer Fläche für die Region bewegen zu können. Auch emotional fühle ich mich dem Projekt und dem Pfälzerwald als echter Pfälzer und passionierter Wanderer von Kindesbeinen an sehr verbunden.

Aus diesem Grund hatte ich mich für die Übernahme der Projektleitung Anfang März dieses Jahres entschlossen, nachdem die Stelle zwischenzeitlich vakant war. Für ein solches Großprojekt bietet der Pfälzerwald mit seinen großräumigen und weitgehend häufig unzerschnittenen Landschaften und seiner vielfältigen Biotop- und Artenausstattung gerade im Grünlandbereich den idealen Rahmen. Andererseits kenne ich bereits viele Akteure und potentielle Maßnahmenflächen im Pfälzerwald, deren Zustand aus ökologischer Sicht zu verbessern wäre. Dank meiner mehrjährigen Erfahrung beim Biosphärenreservat, die ich gerne in das Projekt einfließen lasse, und meiner guten Kontakte zu den Verantwortlichen vor Ort weiß ich, wo in den Gemeinden der Schuh drückt. Hier ist vor allem die Entwicklung einer attraktiven Kulturlandschaft ein großes Anliegen. Diese Zielsetzung geht Hand in Hand mit den im Projekt angestrebten Zielen, etwa der Erhöhung der Artenvielfalt, so dass wir hier mit einer großen Akzeptanz rechnen können.

Wie hat sich die Arbeit in der Projektstelle seit ihrer offiziellen Eröffnung im April 2018 entwickelt?

Im Jahr 2018 machte sich das Projektteam unter dessen damaliger Leiterin nach der Einrichtung des Projektbüros bei der Geschäftsstelle des Biosphärenreservats Pfälzerwald-Nordvogesen in Lambrecht sogleich an die Erstellung der umfangreichen Leistungsverzeichnisse und Ausschreibungsformulare. Sie dienten als Grundlage für das mehrmonatige europaweite Vergabeverfahren für den Pflege- und Entwicklungsplan, für dessen Bearbeitung schließlich das Fachbüro IUS (Institut für Umweltstudien – Weibel und Ness GmbH) in Kandel im März 2019 beauftragt wurde. Ebenso wurden Aufträge an weitere Fachbüros für Sondergutachten (wie zum Beispiel eine sozioökonomische Studie sowie ein Konzept für Öffentlichkeitsarbeit) vergeben. Inzwischen ist das Büro IUS mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern seit Wochen vor allem zwecks Kartierung verschiedener Tier- und Pflanzenartengruppen und einer Biotopkartierung im 8.200 Hektar großen Fördergebiet unterwegs. Eine projektbegleitende Arbeitsgruppe mit Vertretern aus den verschiedensten Bereichen (darunter Naturschutzverwaltung, BfN, Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, Agrarverwaltung, Forstverwaltung, Naturschutzverbänden) hatte sich im März 2019 gebildet und wird die mehr als ein Jahrzehnt das chance.natur Projekt begleiten.

Die „chance.natur“-Projektstelle in Lambrecht ist mit ihren inzwischen drei Beschäftigten im Einsatz, um das Vorhaben weiter in die breite Öffentlichkeit, aber auch zum Beispiel in die beteiligten Kommunen und in zahlreiche Einrichtungen zu tragen, Sinn und Zweck der Maßnahme zu erläutern und die Kontakte mit den Bewirtschaftern zu intensivieren. Momentan entstehen gerade ein entsprechender Flyer und eine Website. Darüber hinaus sind wir im engen Austausch mit den erwähnten Fachbüros: Wir „füttern“ sie mit Informationen, um ihnen das effiziente Arbeiten im Gelände zu erleichtern.

Nach dem Erstellen des Pflege- und Entwicklungsplans bis zum Jahr 2020 während der aktuellen ersten Projektphase werden in der zweiten Phase von 2020 bis 2030 die Pflegemaßnahmen, insbesondere in den Offenlandbiotopen mit den Akteuren umgesetzt, die unter anderem von der Biotop-Erstpflege, wie dem Pflanzen und Schneiden von Streuobstbäumen, dem Wiederaufbau von Trockenmauern bis hin zum Errichten von Weidezäunen reichen.

Wo liegen die besonderen Potenziale, aber auch Herausforderungen im Projekt?

Im „chance.natur“-Projekt stecken riesige Entwicklungspotenziale für den Pfälzerwald.

Zunächst liegt ein großes Potenzial in der Projektidee selbst, und zwar im Hinblick auf das Ziehen der Wanderschäferherden, bei denen die Schafe als „Samentaxis“ für die Pflanzen fungieren. So lassen sich nämlich die häufig isolierten Offenland-Biotope – wozu beispielsweise Streuobstwiesen zählen – vernetzen, und auch ihr Zustand wird über Erstpflegemaßnahmen verbessert, was einen wichtigen Beitrag zum Artenschutz darstellt. Genauso ist uns die Einbindung des Faktors „Mensch“ in das System „Natur“ wichtig: Denn nur wenn es uns gelingt, die Akteure (wie Grundstückseigentümer, Bewirtschafter und Bevölkerung) für das auf dem Prinzip der Freiwilligkeit beruhende Projekt für unsere Ziele zu gewinnen, können wir in der Fläche etwas bewirken. Die Voraussetzungen hierfür sind allerdings günstig, zumal wir bereits bei den realisierten Beweidungsmaßnahmen auf eine große Akzeptanz bei den beteiligten vor Ort gestoßen sind.

Diesen positiven Trend möchten wir gerne aufgreifen und über eine intensive Kommunikation, über Events, aber auch über Aktionen mit Schulen und/oder Kindergärten eine Sensibilisierung der Bevölkerung für die Biotopflege und den Artenschutz sowie für die Wanderschäfer und ihren Berufsstand erzielen. Nicht zuletzt können wir mit dem Vorhaben einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der schafhaltenden Betriebe (seien es Wander- oder Hüteschäfer) leisten, die sich selbst als eine „vom Aussterben bedrohte Spezies“ bezeichnen. Und dort, wo es keine Wander- beziehungsweise Hüteschäferherden gibt, wollen wir auf Kooperationslösungen mit örtlichen Tierhaltern, zum Beispiel in Form von Mischbeweidungen setzen.

Natürlich gibt es auch große Herausforderungen, wie zum Beispiel die komplizierte Situation der Eigentumsverhältnisse infolge der in der Pfalz verbreiteten Realerbteilung; diese muss vor einer Maßnahme erst einmal geklärt werden, um die Flächen zu sichern. Darüber hinaus gibt es in bestimmten Teilgebieten eine Konkurrenzsituation der Bewirtschafter untereinander oder mit Hobbytierhaltern, die erst einmal aufzulösen sind. Schließlich werden wir, wie bei jedem Vorhaben, auch auf Einzelpersonen oder Gruppierungen stoßen, die dem Projekt kritisch gegenüberstehen; hier gilt es, Überzeugungsarbeit zu leisten oder nach Kompromisslösungen zu suchen. Nicht zuletzt besteht eine große Herausforderung darin, Lösungen bereits in der Planungsphase aufzuzeigen, wie das Vorhaben nach der Projektlaufzeit von circa 13 Jahren ohne die Förderung des Bundes weiterentwickelt werden kann. (ps)

Zur Person:

Helmut Schuler arbeitet seit über 20 Jahren im Biosphärenreservat (vormalig Naturpark) Pfälzerwald-Nordvogesen im Bereich Landwirtschaft, Landschaftspflege und Regionalvermarktung. Der gebürtig aus Ludwigshafen am Rhein stammende Pfälzer hat in Gießen, Hohenheim bei Stuttgart und Adana (Türkei) Agrarwissenschaften studiert. Später kam ein europäisches Diplom in Umweltwissenschaften hinzu, das er in Arlon (Belgien) und Trier absolvierte. Vor seiner Arbeit im Biosphärenreservat beschäftigte er sich in Luxemburg im Rahmen eines Forschungs- und Beratungsauftrags mit dem Thema der Nitratauswaschung in Wasserschutzgebieten. Im grenzüberschreitenden Biosphärenreservat Pfälzerwald-Nordvogesen kommt ihm seine Fähigkeit, fließend Französisch zu sprechen, immer wieder zugute.

Weitere MitarbeiterInnen im Projektbüro sind:
Forstingenieurin (Bachelor of science) Anna-Maria Marstaller
Christian Rutz (Verwaltungsangestellter)

Das Projekt „Neue Hirtenwege im Pfälzerwald“ wird beim Biosphärenreservat Pfälzerwald umgesetzt, Projektträger ist der Bezirksverband Pfalz. Die Förderung des Vorhabens erfolgt durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) sowie durch das Land Rheinland-Pfalz.

 

Bildunterschrift:

Erfahrener Mitarbeiter beim Biosphärenreservat und nun Projektleiter für „Neue Hirtenwege im Pfälzerwald: Helmut Schuler beim Einsatz im Gelände (Foto: Biosphärenreservat/frei)

 

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