Bäume gehören zu unserer Kultur – im wahrsten Sinne des Wortes sind sie fest verwurzelt mit dörflichem und städtischem Leben. Je nach Lebensbedingungen wie etwa Temperatur, Wasserversorgung oder Emissionen können sie uralt werden: Fichten bis 300, Tannen bis 600 Jahre, Eichen und Linden sogar ein ganzes Jahrtausend. Die hölzernen Gewächse sind in vielerlei Hinsicht nützlich, gerade angesichts des fortschreitenden Klimawandels. Aber erkrankt werden sie für Stürme zur leichten Beute, abbrechende Äste oder gar komplett umstürzende Bäume können so zur Gefahr für Leib und Leben werden. Daher muss die Stadtverwaltung den Zustand ihres Baumbestands regelmäßig überwachen, um die Verkehrssicherheit zu erhalten.
Erhalten, was irgend möglich ist, und nur entfernen, was nötig ist: Vor dem Hintergrund dieses Leitgedankens beschreibt Jens Owczarek, der Baumkontrolleur der Stadt Pirmasens,den Entscheid, eine Sommerlinde an der stark befahrenen und auch von Fußgängern regelmäßig benutzten Landauer Straße zu fällen, als Ultima Ratio. Rund 90 Jahre stand sie dort,hat ein gutes Stück der Pirmasenser Zeitgeschichte miterlebt und muss nun doch weichen.
In Pirmasens git es rund 30.000 Stadtbäume, von denen alleine 18.400 entlang von Straßen, auf Grüninseln oder in öffentlichen Parkanlagen stehen und im städtischen Baumkataster gelistet sind. Für ihre Pflege wird ein beträchtlich hoher personeller wie finanzieller Aufwand betrieben. Bäume nämlich sind gleich in mehrfacher Hinsicht sehr wichtig. So sorgen sie in den warmen Jahreszeiten für Schatten auf Wege und Häuser und verhindern, dass sich Gestein und Beton nicht zu stark aufheizen. Gleichzeitig dienen sie bei Regen als Wasserspeicher, produzieren Sauerstoff, binden CO2 und filtern allerlei Schadstoffe aus der Stadtluft – Stichwort Autoabgase. Bäume tragen ferner dazu bei, den Stadtlärm zu vermindern, indem sie den Schall ablenken und absorbieren, sie dienen außerdem als natürlicher Wind- und Erosionsschutz. Darüber hinaus bieten sie wichtigen Lebensraum für Tiere wie etwa Insekten und Vögel, aber auch Eichhörnchen und Fledermäuse.
Das Garten- und Friedhofsamt ist für die Verkehrssicherungspflicht des Baumbestands verantwortlich, führt die Kontrollen aus und dokumentiert diese. Nach Feststellung von Schäden erteilen die Baumkontrolleure die Pflege- oder Fällaufträge an den Wirtschafts- und Servicebetrieb der Stadt Pirmasens (WSP), der die Arbeiten dann ausführt. In regelmäßigen Abständen kontrollieren vier städtische Mitarbeiter mit zertifizierter Spezialausbildung wie Jens Owczarek die Bäume auf Frost- und Unwetterschäden, Krankheiten, Schädlingsbefall und Totholz. Nicht alle werden gleich oft begutachtet, sondern je nach Gesamteinschätzung im Einzelfall alle sechs, zwölf, 24 oder 36 Monate.
Schon seit einiger Zeit steht die Linde an der Landauer Straße auf ihrer imaginären roten Liste. Zum Opfer gefallen ist sie mehreren holzzersetzenden Pilzen. Diese hatten leichtes Spiel angesichts der zunehmenden Schwächung des Baums, die die anhaltende Trockenheit und Hitze der letzten Jahre mit sich brachte. „Pilze wie diese verursachen erhebliche Schäden an Stamm und Krone“, erklärt Jens Owczarek. Leider jedoch gäben sich die Feinde erst spät zu erkennen und arbeiteten meist bereits schon länger im Inneren, bevor der Befall außen überhaupt sichtbar wird.
Daher gehören verschiedene Werkzeuge zur Ausstattung der Kontrolleure. Ein Schonhammer beispielsweise dient dazu, durch den Klang des Stammes festzustellen, ob sich dort Höhlungen befinden. Bei offenen Faulstellen und Höhlungen schließlich wird die noch vorhandene Restwandstärke mithilfe eines sogenannten Resistographen ermittelt. Mit dem Fernglas werden Äste und Vergabelungen in der Krone genau in Augenschein genommen; auf dem weitläufigen Areal des Waldfriedhofs kommt sogar eine Drohne zum Einsatz. Und um festzustellen, ob in Baumhöhlen Tiere einen Unterschlupf gefunden haben, nutzen die Spezialisten eine Endoskopkamera. Mit ihren Hubarbeitsbühnen erreichen die Kontrolleure bei Bedarf selbst höchstgelegene Kronenbereiche, um diese zu pflegen und sicherzustellen, dass auch dort alles stabil und in Ordnung ist.
Aufgrund der anspruchsvollen und sehr differenzierten Aufgabenstellung sind hier Fachleute mit ganz besonderem Spezialwissen gefordert: Gute Kenntnisse in der Botanik sowie bei den Krankheitserregern und Schädlingen, vertieftes Wissen im Bereich Baumpflege sowie der baumspezifischen Holzeigenschaften sind wichtige Voraussetzungen, die ein Baumkontrolleur beherrschen muss. Sie müssen absolut schwindelfrei sein und mit den speziell für professionelle Einsätze in der Baumpflege entwickelten Motorsägen umgehen können. Mehr als das gehört ein vertieftes Wissen über die detaillierten Zusammenhänge von Baumarten, Begleitvegetation, Standortbedingungen und klimatischen Besonderheiten zum Repertoire, um die tägliche Arbeit fachgerecht ausführen zu können. Aber gerade auch Kenntnisse im Bereich des Naturschutzes treten immer mehr in den Vordergrund. Bei den baumpflegerischen Tätigkeiten müssen deshalb ebenso seltene, vom Aussterben bedrohte Tierarten und der Lebensraum baumbewohnender Arten berücksichtigt werden. Bei der täglichen Arbeit mit dem Baumbestand gibt es immer wieder auch neue Herausforderungen wie neue Krankheiten und Schädlinge, sich verändernde Umweltbedingungen oder besonders widrige Standortbedingungen. Um dem gerecht zu werden und dabei auch der fortschreitenden Entwicklung im wissenschaftlichen und technischen Bereich Rechnung zu tragen, ist eine ständige Weiterbildung unabdingbar. Neben ihren wichtigen Aufgaben in der täglichen Routine investieren die städtischen „Baum-Detektive“ wie Jens Owczarek daher regelmäßig viel Zeit und Geduld mit den verschiedensten Weiterbildungsmaßnahmen.
Heute rückt das WSP-Team mit schwerem Gerät an. Von oben nach unten wird die Sommerlinde in mühsamer Kleinarbeit zerlegt. Auf der Hubarbeitsbühne stehend, beginnt ein Mitarbeiter, mit einer Motorsäge das Geäst aus der Krone zu schneiden. Die Kollegen warten unten bereits mit dem Häcksler, um die herabfallenden kleineren Äste und Zweige zu schreddern. Die größeren Äste werden behutsam abgelegt und für den späteren Abtransport gestapelt. Lediglich der mächtige Stamm wird schließlich gefällt und auch das Wurzelwerk großzügig ausgebaggert. Nur so nämlich lässt sich sicherstellen, dass sich der Pilzbefall nicht im Untergrund auf andere Bäume überträgt. Die neue Erde und ein spezielles Pflanzsubstrat bieten dann die Grundlage für einen neuen Baum. Der wird schon im nächsten Jahr gepflanzt und steht dann hoffentlich mindestens so lang am Straßenrand wie sein Vorgänger. (ps/Andreas Becker)

 

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