– Interview mit dem Leiter des Kulturreferats der Stadt Kaiserslautern Dr. Christoph Dammann –

Westpfalz-Journal: Stellen Sie sich bitte unseren Lesern kurz vor.
Dr. Christoph Dammann: Mein Name ist Dr. Christoph Dammann, ich bin seit 2014 Direktor des Referates Kultur bei der Stadtverwaltung Kaiserslautern. Es ist eine unglaublich schöne, sinnvolle und sehr vielseitige Aufgabe, deswegen macht sie mir so großen Spaß. Ich bin für alle städtischen Kultureinrichtungen verantwortlich und bin auch operativ tätig unter anderem bei der Planung der Konzerte in der wunderschönen Fruchthalle oder auch bei Festivals wie der langen Nacht und dem Literaturfestival.

Westpfalz-Journal: Was war der Anlass für das Angebot der Streaming-Veranstaltungen?
Dr. Christoph Dammann: Der Anlass war der erste Lockdown im März 2020. Es war eine Idee aus unserem Krisenstab und ich war anfangs sehr skeptisch. Ich bin ein blühender Verfechter von Kultur analog, also von der unmittelbaren Begegnung zwischen Kunst, Künstlern und Publikum. Diese Möglichkeit gab es aber im Lockdown nicht mehr und wir haben dann angefangen zu streamen. Es gab drei große Ziele, einmal dem Publikum weiterhin ein Angebot machen zu können, wenn auch nur auf dem digitalen Umweg, natürlich mit sehr hoher Qualität, was Kamera und Ton betrifft. Das Zweite war mindestens genauso wichtig, den vielen freischaffenden Künstlerinnen und Künstlern bezahlte Auftrittsmöglichkeiten zu verschaffen. Wir haben jedem einzelnen eine relativ kleine Gage gezahlt und zusätzlich noch Spenden eingeworben. Die Spendenbereitschaft hat alle Erwartungen übertroffen. Letztendlich konnten wir ein Betrag von über 500 Euro pro Person noch zusätzlich an die Freischaffenden zu gleichen Teilen verteilen. Und das Dritte war, dass wir auch im Lockdown bei der Schließung aller Kultureinrichtungen noch für Sichtbarkeit und Präsenz von Kultur gesorgt haben. Der Zuspruch hat alle Erwartungen übertroffen.

Westpfalz-Journal: Wie viele Veranstaltungen hat es denn ungefähr gegeben? Mit wie vielen Zuschauern?
Dr. Christoph Dammann: Wir haben im ersten Lockdown 30 Kulturlivestreams mit 130.000 Zugriffen auf die Videos alleine auf Facebook und YouTube gehabt, da sind die Zuschauer der offenen Kanäle noch nicht dabei, und wir sind jetzt im zweiten Lockdown bereits beim 25. Kulturlivestream, also insgesamt 55, und haben jetzt im zweiten Lockdown auch schon wieder über 40.000 Videozugriffe alleine auf Facebook und You Tube.

Westpfalz-Journal: Was für Veranstaltungen gab es im Rahmen der Streamings?
Dr. Christoph Dammann: Wir haben schwerpunktmäßig Musiker am Start gehabt, dabei haben wir alles abgedeckt von Klassik bis zu Jazz, zu Rock, zu Pop oder zu Weltmusik, es fehlte eigentlich kein Genre. Wir haben aber auch Literatur und sogar bildende Kunst berücksichtigt mit zwei Livepainting Aktionen, mit eingeblendeten Gemälden eines Künstlers aus Kaiserslautern, mit eingeblendeten Fotos eines renommierten Fotografen aus Kaiserslautern. Wir haben für eine große Vielfalt gesorgt und das hat offensichtlich einen Nerv getroffen und dem Publikum viel Freude bereitet.

Westpfalz-Journal: Wie läuft das technisch? Sind die Mitarbeiter bis auf das Aufnahmeteam Mitarbeiter der Stadt oder haben Sie eine Fremdfirma engagiert und wie muss man sich das vorstellen, wie groß ist das Aufnahmeteam?
Dr. Christoph Dammann: Das sind im Prinzip drei Personen. Im ersten Lockdown wurden wir noch unterstützt von Mitarbeitern der städtischen KL digital Gesellschaft, die uns auch Ausrüstung zur Verfügung gestellt hat. Inzwischen ist unser eigenes Personal eingearbeitet und kann das selber. Die Fruchthalle hat auch dank einer Förderung des Programms Neustart durch eine Landesförderung jetzt eine eigene Ausstattung zum Streamen mit fünf Kameras. Alles wird tatsächlich von drei Leuten bedient. Einer macht alle fünf Kameras und den Videoschnitt, einer macht den Ton und einer macht das Licht.

Westpfalz-Journal: Musste die Stadt Investitionen tätigen? Falls ja können sie etwas zu den Finanzen für die Straming Veranstaltungen insgesamt sagen?
Dr. Christoph Dammann: Ja, das kann ich ziemlich genau sagen. Wir mussten infolge der Coronakrise ja viele Konzerte absagen, ungefähr 40 Konzerte in den beiden Lockdowns. Und diese Konzerte werden von der Stadt bezuschusst, ähnlich wie die Veranstaltungen in der Kammgarn oder im Pfalztheater. Durch die Absagen haben wir Geld eingespart, von diesem Budget haben wir Gagen gezahlt, 300 Euro pro Künstlerin und Künstler. Meist waren zwei bis drei beteiligt, so dass rund 50.000 Euro an Gagen gezahlt wurden. Die Kosten für das technische Equipment hatten noch einmal einen Umfang von 20.000 Euro wovon unser Eigenanteil zeh Prozent war.

Westpfalz-Journal: Manche beklagen, dass bei Streaming Veranstaltungen die Nähe zum Publikum und auch die Interaktion zwischen den Künstlern und dem Publikum fehlt und das man deshalb besser auf solche Streaming Veranstaltungen verzichten sollte. Was ist ihre grundsätzliche Meinung dazu?
Dr. Christoph Dammann: Also die Leute haben recht, diese Interaktion fehlt total, das ist für die Künstler ganz merkwürdig in einem leeren Raum zu spielen. Aber das ist keine neue Situation, Künstler machen im Studio auch Ton- und Fernsehaufnahmen ohne Publikum. Mit Publikum ist es natürlich viel schöner, aber stellen Sie sich mal vor, wir hätten diesen Kulturlivestream nicht gemacht, dann wäre die gesamte Lauterer Kulturszene so gut wie unsichtbar gewesen. Insofern bin ich in der Rückschau sehr glücklich, dass wir das Projekt umsetzen konnten.

Westpfalz-Journal: Wie ist die weitere Planung? Man weiß ja nicht, wie lange die Pandemie noch dauert. Planen Sie jetzt längerfristig oder planen Sie wie die große Politik auf Sicht?
Dr. Christoph Dammann: Wir planen ziemlich auf Sicht. Wir haben uns jetzt darauf verständigt, dass der Kulturlivestream noch bis Mitte März weitergeht. Anschließend wollen wir uns dann in Abstimmung mit allen Entscheidungsträgern auf eine vorsichtige Wiedereröffnung der Kultureinrichtungen vorbereiten, sobald die Lage das zulässt.

Westpfalz-Journal: Und was ist mit dem restlichen Kulturbetrieb? Liegt der derzeit still?
Dr. Christoph Dammann: Der liegt weitestgehend still. Das Pfalztheater stellt ab und zu noch ein paar schöne Videos ins Netz. Die Kammgarn sagt, wir machen so etwas nicht, sondern wir warten bis wir wieder öffnen können. Es muss ja auch nicht jeder streamen.

Westpfalz-Journal: Haben Sie etwas geplant für das Ende der Pandemie? Zum Beispiel ein großes Glockenleuten aller Kirchen in Kaiserslautern?
Dr. Christoph Dammann: Ja, da haben wir tatsächlich schon darüber nachgedacht. Die Frage wird aber sein, wer wann die Pandemie als beendet definiert. Vielleicht wenn wir alle geimpft sind. Es wird wahrscheinlich schwierig, einen Endzeitpunkt festzulegen. Ich denke, wir werden einfach alle gemeinsam feiern, wenn man wieder auf der Straße und im Restaurant ohne zu große Vorsichtsmaßnahmen zusammenkommen kann.

Westpfalz-Journal: Sie haben einen Wunsch frei und was wünschen Sie sich dann?
Dr. Christoph Dammann: Ich wünsche mir, dass wir endlich wieder mehr und enger zusammenkommen können, ohne das wir vor irgendeiner Infektion Angst haben müssen. Und ich wünsche mir, dass die ganze Gesellschaft sich noch stärker bewusst wird, dass auch die Kultur zu den wirtschaftlich und gesellschaftlich wichtigen Bereichen gehört.

Westpfalz-Journal: Vielen Dank für das Gespräch. 

Die Fragen für das Westpfalz-Journal stellte  Wolfgang Feth

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