– Eine Randbemerkung von Jürgen Link –

Vielerorts wird derzeit an die Revolution von 1848 erinnert, gewissermaßen die erste demokratische Bewegung auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands. Die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche, die Volksversammlung in Mannheim und gelegentlich auch noch der Pfälzische Aufstand sind Dinge, an die man sich vielleicht noch aus dem Geschichtsunterricht erinnert, auch wenn diese Episode der Deutschen Geschichte wegen zwölf unseliger Jahre oft etwas zu kurz kommt. Insbesondere an den Pfälzischen Aufstand erinnert man dieser Tage gerne in Kaiserslautern, war die Stadt doch so etwas wie der revolutionäre Mittelpunkt des damaligen Geschehens. Kaiserslautern als Hauptstadt der ersten Demokratie auf pfälzischem Boden, das klingt ja auch nicht gerade übel.
Ein Zeitzeuge der damaligen Ereignisse war Friedrich Engels, seinerzeit Berufsrevoluzzer, später überaus erfolgreicher Textilunternehmer und heute zusammen mit Karl Marx las geistiger Vater der als Marxismus bezeichneten Gesellschafts- und Wirtschaftstheorie bekannt. Er zeichnet ein Bild von Geist und Charakter des damaligen Aufstands in der Pfalz, das ein klein wenig anders ist, als jenes, welches uns heute gerne geschildert wird, das wir unseren Lesern allerdings nicht vorenthalten wollen:
Wer die Pfalz nur einmal gesehen hat, begreift, daß eine Bewegung in diesem weinreichen und weinseligen Lande einen höchst heitern Charakter annehmen mußte. Man hatte sich endlich einmal die schwerfälligen, pedantischen altbayrischen Bierseelen vom Halse geschafft und an ihrer Stelle fidele pfälzische Schoppenstecher zu Beamten ernannt. Man war endlich jene tiefsinnig tuende bayrische Polizeischikane los, die in den „Fliegenden Blättern“ ergötzlich genug persifliert wurde und die dem flotten Pfälzer schwerer auf dem Herzen lag als irgend etwas andres. Die Herstellung der Kneipfreiheit war der erste revolutionäre Akt des pfälzischen Volks: Die ganze Pfalz verwandelte sich in eine große Schenke, und die Massen geistigen Trankes, die „im Namen des pfälzischen Volks“ während dieser sechs Wochen verzehrt wurden, übersteigen alle Berechnung. Obwohl in der Pfalz die aktive Teilnahme an der Bewegung lange nicht so groß war als in Baden, obwohl es hier viele reaktionäre Bezirke gab, war doch die ganze Bevölkerung einstimmig in dieser allgemeinen Schoppenstecherei, wurde selbst der reaktionärste Spießbürger und Bauer hineingerissen in die allgemeine Heiterkeit. […]“

 

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