– Urtümliches Brauchtum in einem kleinen Burgdorf – Stabaus wird auch in der Region gefeiert –

Der vergangene Sonntag wird in der katholischen und evangelischen Kirche „Laetare“ genant. Das kommt aus dem lateinischen und bedeutet so viel wie „freue dich!“. Freude empfinden die Christen deshalb, weil Laetare immer am viertem Sonntag nach dem Aschermittwoch gefeiert wird und damit die Hälfte der Fastenzeit vorüber ist, man also „Bergfest“ feiern kann, um es mal weniger prosaisch auszudrücken. Freude kann man aber auch deshalb empfingen, weil um den Tag herum meist die ersten Vorboten des Frühlings in der Natur zu entdecken sind und die Tag-und-Nacht-Gleiche am 20. März den astronomischen Beginn des Frühlings markiert.
Am Sonntag Laetare findet traditionell in vielen Gemeinden in der nördlichen Vorderpfalz und dem Wormser Raum das Fest der Winterverbrennung, auch Stabaus genannt, statt. Das Brauchtum, das dort zum Teil seit Jahrhunderten gefeiert wird, schappt zunehmend auch in die Westpfalz und wird in der Region hauptsächlich von Kindergärten und Grundschulen aufgegriffen, die mit einem Stroh-Schneemann durch das Dorf ziehen und symbolisch den Winter verbrennen.
Besonders urtümlich feiert man den Brauch in dem kleinen Burg- und Weindorf Neuleiningen, nachweislich seit fast 500 Jahren nach dem gleichen Ritual. Das Westpfalz Journal stattete dem knapp 800 Einwohner zählenden Dorf bei Grünstadt am vergangenen Sonntag einen Besuch ab und lies das Spektakel auf sich wirken, das nahezu ebenso viele Besucher anlockte, wie Menschen in dem Dorf leben.
Vor dem oberen Burgtor haben sich kurz nach Mittag neben bereits zahlreichen Schaulustigen rund 25 mehr oder weniger junge Männer eingefunden, die an diesem Tag eine der Hauptrollen spielen – die zweite spielt die acht Jahre alte Tamia, doch dazu später mehr. Auf der Straße vor dem Burgtor liegen bereits zahlreiche Strohballen, die eine 1,5 auf fünf Meter große Fläche bedecken. Auf diese Strohballen-Lage schichten die jungen Männer eine Lage Rebenreisig (die im zurückliegenden Winter abgeschnittenen Triebe der Weinreben) und zwei etwa sechs Meter lange Rundhölzer. Darauf kommt eine weitere Lage Strohballen bevor schließlich das ganze Gebildet mit Draht und viel Museklkraft zusammengebunden wird. Die ganze Prozedur dauert gute zwei Stunden, zwischendrin stimmen die jungen Männer immer wieder ein traditionelles Stabauslied an, das es in dieser Form ebenfalls nur in Neuleiningen gibt.
Bürgermeister Franz Adam berichtet, dass das Stroh bis vor einigen Jahrzehnten noch von den Landwirten aus dem Dorf geliefert wurde. Da diese heute bis auf drei Winzerbetriebe verschwunden sind, sei es mittlerweile gar nicht so einfach, an genügend Baumaterial für das Gebilde zu kommen, dass die jungen Männer in recht mühsamer Arbeit zusammenknüpfen. Der Brauch selbst, so der Bürgermeister, gehe zum einen auf die traditionelle Winterverbrennung zurück, zum anderen hänge sie aber auch wegen der besonderen Form, mit der sie in dem Burgdorf gefeiert werde, mit den Leininger Grafen zusammen, die die Burg und das Dorf um das Jahr 1240 errichten ließen.
Zwischenzeitlich finden sich immer mehr Stabaus-Besucher ein, darunter auch die Kindergarten- und Grundschulkinder aus dem Dorf, die nach der Fertigstellung des Stroh-Gebildes, das man nur schwer als Strohmann bezeichnen kann, mehrere Frühlingslieder singen. Mitgebracht haben die Kinder mit buntem Krepp-Papier geschmückte Holz-Stecken, so genannte Stabausstecken, auf deren Spitze eine süße Hefebrezel gesteckt wird, die allerdings meist nicht lange unversehrt bleibt sondern zumeist angeknabbert oder aufgefuttert wird, bevor der Umzug durch’s Dorf los geht.
Anschließend wird der Strohmann mittels Stangen und schnüren aufgerichtet und die kleine hat Tamia ihren großen Auftritt. Dazu zieht die jungen Neuleiningerin eine Geißbockmaske auf (der Spitznahme der Neuleininger lautet in der Region „Gääßböck“) und klettert auf das Strohgebilde, das anschließend durch die Gassen des Burgdorfs geschleppt wird. Unterbrochen wird der Tross, dem am Sonntag mehrere hundert Menschen folgen, unterwegs immer wieder an „Zwischenstationen“, an denen die jungen Männer Erfrischungen meist in der Form von vor Ort produzierten Weines gereicht werden. Ziel des Trosses ist ein ehemaliger Steinbruch am östlichen Dorfrand, wo der Strohmann zunächst wieder per Muskelkraft einen Abhang hochgezogen wird, bevor er in Flammen aufgeht und damit der Winter symbolisch verbrannt wird. Die Stabaus-Stecken werden ebenfalls in das Feuer geworfen und zum Schluss wird nochmals das Stabaus-Lied angestimmt.
Anschließend geht’s in ein Weingut, wo die Blaskapelle aus dem Dorf musikalisch unterhält, Würstchen gebraten und Wein ausgeschenkt wird. (von Jürgen Link)

 

 

 

 

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